Und da war ich. Nach was weiß ich wie langer Zeit Pause wegen Corona-Hysterie stand ich wieder mitten drin im verrückt bekloppten Party-Volk. Endlich geht es wieder. Keine Fascho-Maßnahmen, keine Neurosen, außer die üblichen, die auch auf so eine Party gehören und ich. Mein bester schwuler Freund dabei.

Und ich stelle fest:

Der Party-Mythos ist zerstört. Er ist enttäuscht. Vorbei. „Die Partys“ heißt es in der Szene über die Erotik- und Sex-Partys. Und es ist schon in der Stimme stets aufgebaut in eine riesengroße Blase der Wünsche. Des Hoffen des Sehnens. Diese Partys stehen für allerhand Projektionen beim Besucher-Volk. Mann wie Weib erhoffen sich hier … ja was eigentlich? Sex? Begehren? Annahmen?

Ich glaube es geht um Kontakt.

Man glaubt, es gehe hier einfacher, unkomplizierter, da die Leute offener seien. Ich weiß das nicht, ob das stimmt, ehrlich gesagt. Ich glaube, es stimmt nicht. Seit Corona weiß ich, dass es ganz und gar nicht stimmt. Spießer bleiben Spießer, auch wenn sie sich n Lederrock anziehen und die medizinische Maske gegen eine Fetisch-Maske austauschen. Und so sinniere ich herum. Streife durch das Party-Volk und fühle mich seltsam. Der Geschmack von „DAMALS“ liegt mir auf der Seele. Damals, als das alles hier begann.

Ich kenne ein paar Leute, gehe aber nicht hin. Ich möchte nicht an Altes anknüpfen, ich bin für mich ganz alleine hier, um etwas zu erfahren. Ich will etwas wissen über die Menschen hier und wie ich das ganze bunte Treiben nach all den Jahren und einem geschriebenen Buch darüber erlebe. Wie ich es heute wahrnehme. Die Menschen hier sind schräg, exzessiv. Ich liebe das. Ich finde das Schräge geil. Aber, und das fällt auch sofort auf, sie sind unendlich betäubt. Nicht da. Wenig wach. Sie tanzen wie Marionetten vor sich hin, machen sich heiß und geil und wirken jeder für sich irgendwie einsam und alleine. Es ist ein Schau-Laufen, ein sich Zeigen, ein „schau mal der und der ist auch da mit dem und dem“. Die einen sind offensichtlich drauf die anderen sind in anderer Form abgekoppelt von sich, von allem.

Und noch etwas fällt mit auf. Es ist eine Sex- und Fetischparty, (ich glaube es ist eine der größten, die es gibt Deutschlandweit, ich weiß es nicht genau) aber was sehr spannend ist:

Es ist null sexuelle Energie im Raum. Alle sind halb nackt, kaum bekleidet, man schwitzt, man tanzt, man zeigt sich was man zu bieten hat. Will anlocken und andocken. Irgendwo. Egal wie. Und nichts liegt hier ferner, als wahrer Ekstase, als pures Erleben der sexuellen Kraft. Wahre Begegnung und wahre Nähe. Weil die Menschen hier wie oben beschrieben eine Show abziehen. Für sich, für andere und eigentlich riecht es überall nach Angst. Angst sich selbst und den anderen nicht zu genügen, Angst nicht dazu zu gehören, nicht anzukommen, Angst etwas zu verpassen, Angst nicht zu ficken, denn das wäre ein Scheitern und man müsste allein wieder zurück. Allein in sein Hotelzimmer. Wo es die die Wände in den Raum schreien: „Du bist allein! Und einsam! Und das was du da suchst in dieser Welt ist Fake!“ Das kann man, finde ich den Menschen ansehen. Und deshalb fließt kaum sexuelle Energie. Sie sagen sie wollen sie selbst sein und spielen eine Rolle.

Ja, man ist wer. Geht man dahin. Man ist anders, man ist offen, man ist cool, nicht mainstreamig unterwegs. „Open minded“. Ja. Man ist so open dass man vor dem Eingang so viel Schiss hat wie in der ersten Klasse an der Tafel, ob man rein kommt oder nicht. So cool und open minded ist man.

Ich finde das ok. Das ist hier so. Die machen alle so ihren Film. Ich bin zehn Minuten hier und langweile mich. Und ich setze mich entspannt und gucke zu. Ich trinke mein Wasser, trinke generell keinen Alkohol. Ich will zwischen mir und der Welt keinen Filter. Und so denke ich weiter nach. Beobachte.

Früher sah ich das anders, musste immer unbedingt dazu gehören. Wollte mit, mit dabei sein, cool feiern machen und tun. Warum? Ich wurde so in diese Szene eingeführt, dass das cool sei, das man das so macht. Man muss sich connecten, um wer zu sein, tolle Aktionen machen, irgendwen irgendwo ficken oder gefickt werden. Wobei das nicht schwer ist da, außer man hat Moral oder so was, dann schon.

Es ist nett, es ist wild, na ja, Party eben. Mich hat es wenig beeindruckt, wieder einmal nicht, auch wenn hinter mir und neben mir wild gevögelt wurde.

Ach ich halt euch auch die Tasche, spritzt mich nicht voll, mir ist es doch egal. Es beeindruckt mich so null Komma null, was ihr da macht. Denk ich bei mir.

Aber, es ist nicht wirklich mein Sex, denk ich bei mir. Wozu. Was soll das? Ich weiß es nicht. Weil man es kann? Okay… Mir zu. anstrengend. Ich setz mich mal. Die Füße taten mir schnell weh und so habe ich sie gewechselt, in alter Manier und bin dann wieder zurück zu meinem Freund.

Mein Freund total aufgeregt, will auf die Tanzfläche. Mitten rein. Es ist voll bis sehr voll, mir ein wenig zu voll, ich mag Raum beim Tanzen, brauchen nicht ständig den Schweiß eines anderen auf meiner Haut. Wow, geil! Staunt der. Der Dj wieder einmal Hammer, die Stimmung kocht es ist heiß und mir?

Ich bin müde.

„Wie geil und hier warst du ne Zeit lang regelmäßig?“, fragt der beeindruckt. Ich zucke die Schultern. „Jo“

All die Erinnerungen an damalige Aktionen, was hier passiert ist. Es löst nichts aus. Keine Sehnsucht nach damals, kein Schmachten, ob der alten Zeiten. Kein Bedürfnis irgendwem auf den Leib zu rücken und zu fummeln oder zu knutschen. Wozu auch. Ich bin mir selbst genug, fühl mich gut und der Rest kann mich getrost am Arsch lecken.

Es ist vorbei.

Entzaubert.

Und ich wohl einfach nebenbei nur erwachsen geworden. Ich weiß wer ich bin und wer nicht. Und ich bin eine, die sich hier grad langweilt, der die Füße wehtun und die ins Heia-Bettchen will. Spielt ihr mal schön, denk ich bei mir. Die Mutti muss mal ausschlafen.

Und damit verlassen wir die Party gegen vier und fahren wieder heim. Es ist was es ist. Eine bunte Welt und die meisten einfach ganz normale Menschen auf der Suche nach Zugehörigkeit und Bestätigung. Menschen eben, wie du und ich, die einmal im Monat vergessen wollen, dass sie einen spießigen Gartenzwerg im Vorgarten stehen haben, ihre Doppelhaus-Hälfte mühsam abbezahlen müssen, dass ihr Job sie annervt und das im Bett mit der Frau schon lange der Ofen aus ist. Dass jeder so seine Ängste hat, seine kleinen und großen Unaufrichtigkeiten. Dass man sich nachts wegdreht im Bett von Frau oder Mann, weil man sich hätte schon Jahren zuvor trennen müssen. Und das man etwas sucht, dass man vor langer langer Zeit verloren hatte. Man sucht sich selbst, seine eigene Essenz, sich selbst als Mann oder Frau, die unter die Räder kam. Das Problem: das findest du niemals auf solch einer Party. Aber das drückt man weg, man hofft, etwas zu finden. Und sei es Ablenkung vom eigenen total eingefurzten und langweiligen Leben ohne Abenteuer und Leidenschaft. Von einem Leben, in dem man nichts mehr erLEBT. Sich nicht mehr richtig spürt, weil man einfach nichts mehr riskiert. Weil man zwischen Sorgen und Sachzwang eingeschlafen ist.

Das alles will man einmal nicht fühlen, steigt man Samstag Abend in Latex und Leder. Nur um einmal den Hauch eines anderen Lebens zu spüren, dem allem und nichts zuletzt sich selbst, zu entfliehen.

Nur leider sind auch Spießer in Latex einfach das was sie sind:

Spießer. Ein Gartenzwerg mit Strapse bleibt nun einmal was er ist. Ein Gartenzwerg.

Schöne Grüße,

Amanda Lears

Und hier noch einmal der Link zum berühmt berüchtigten Buch „Schweißnackt“ von Paul Kaufmann federführend und meiner Wenigkeit. Du willst wissen, wie es ist, lies hinein. Aber setz dich vorher hin 🙂

https://www.bod.de/buchshop/schweissnackt-paul-kaufmann-9783750480728

7 Gedanken zu “KitKat After-Glow

  1. Ein schöner, wahrer Text, aber ich glaube, dass es in Wahrheit anders ist und etwas anderes passiert.
    Ich gehe auch nicht hin, zur Zeit nicht hin, da ich – allerdings überall – mich das Gefühl begleitet, dass ich von Idioten umzingelt bin und das will ich nicht.
    Aber ich glaube, etwas anders passiert. Kitkat und Co ist Theater. Es ist Inszenierung, eigentlich ganz viele verschiedene Inszenierungen. Und am Anfang saugt man es auf wie ein Schwamm und denkt es sei real. Irgendwann versteht man, dass es nur Szenen sind und dann passt es nur noch, wenn man bewusst inszeniert. Ist man dazu nicht bereit, will echtes, dann funktioniert es nicht mehr, da es eben nur Theater ist.
    Es kommt also darauf an wo man ist, ob es wirkt.

    Gefällt 2 Personen

    1. Absolut richtig. Da hat du total recht. Genauso empfinde ich es auch. Ja… wenn man seine Sehnsüchte mal tüchtig abgearbeitet hat an dieser Welt (was ja total gut und richtig so ist!) dann kann kann man es erkennen, was wahr ist und was nicht.

      Gefällt 1 Person

  2. Ich war nie in einem Club. Vielleicht darf ich auch nicht mitreden. Ich mag es generell nicht wenn Menschen sich verstellen und in irgendwelche Rollen springen. Das soll aber nicht heißen, dass ich ihnen den Spaß nicht gönne. Jedem das seine. 🙂
    Von mir kann ich aber sagen, dass es viele Phasen im Leben gibt und irgendwann stellt man fest, dass wieder eine Phase vorüber ist und man einfach wieder etwas ändern muss um zufrieden und glücklich zu sein. Manchmal denke ich „Boah, bist Du alt geworden!“, aber das ist überhaupt nicht schlimm. Eigentlich hat es auch gar nichts mit dem Alter zu tun, denn jeder erlebt bestimmte Phasen zu anderen Zeiten.
    Daher denke ich wirst Du bestimmt auch ohne KitKat glücklich werden.

    Gefällt 1 Person

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